60 Jahre Pippi Langstrumpf

Dabei ist die Frage der Zeiteinteilung, rein pippi-philosophisch betrachtet, ja eine verflixt komplizierte Sache: „Die Uhr ist ein kleines, rundes Ding“, hat Astrid Lindgrens großartige Heldin einmal so treffend formuliert. „Ein Ding, das tick-tack sagt und das geht und geht und niemals zur Tür kommt.“ Und doch schreitet die Zeit also voran, was nun dazu geführt hat, dass Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminza Efraimstochter Langstrumpf, kurz Pippi Langstrumpf, 60 Jahre alt ist. Jedenfalls auf dem deutschen Buchmarkt.

Ende September 1949 erschien Astrid Lindgrens Buch „Pippi Langstrumpf“ erstmals in Deutschland und es dauerte keine vier Monate, da hatte Verleger Friedrich Oetinger schon 3000 Exemplare davon verkauft, was im Nachkriegsdeutschland jener Tage eine kleine Sensation war. Heute ist die deutsche Fassung mit einer Gesamtauflage von 7,5 Millionen Exemplaren die erfolgreichste Pippi-Langstrumpf-Ausgabe der Welt, in der es Übersetzungen in 57 Sprachen gibt.

Genau genommen wurde Pippi Langstrumpf natürlich schon 1941 in Schweden geboren, als Astrid Lindgren ihrer kleinen Tochter Karin, die mit einer Lungenentzündung im Bett lag, eine Geschichte erzählen sollte. „Erzähl mir von Pippi Langstrumpf“, bat die Tochter ihre Mutter. Den Namen hatte sie im selben Augenblick erfunden. Ein ungewöhnlicher Name für ein ungewöhnliches Mädchen und eine gleichermaßen ungewöhnliche Geschichte. Drei Jahre später schrieb Astrid Lindgren sie auf und schickte das Manuskript zum ersten Mal an einen Verlag. Das Skript bekam sie zurück. Pippi, diese kleine Anarchistin mit Äffchen und Pferd, sollte nicht zum schlechten Beispiel für eine ganze Kindergeneration werden. Ein absolutes „Nonsensbuch“, wie eine Verlagsgutachterin damals kommentierte. So lautstark mutig, so hinreißend fröhlich, aber doch mit diesem Schuss Melancholie, die den besonderen Ton ihrer Geschichten ausmacht, war bis dahin noch keine Kinderbuchheldin dahergekommen.

Bis zur Erstveröffentlichung bei Rabén und Sjögren in Schweden hat Lindgren jedenfalls noch einige Passagen ändern müssen. Und das, obwohl die Autorin in ihrem Begleitbrief an den Verlag geschrieben hatte: „Sicherheitshalber sollte ich vielleicht darauf hinweisen, dass meine eigenen unglaublich wohlerzogenen, engelsgleichen Kinder keinerlei Schaden durch Pippis Verhalten genommen haben. Sie haben sofort verstanden, dass Pippi ein Einzelfall ist.“ Ein anderes Mal schloss sie. „… in der Hoffnung, dass sie nicht das Jugendamt alarmieren.“ Die Schauspielerin Heike Makatsch hat Jahrzehnte später für Oetingers Höchbuchreihe alle drei Pippi-Langstrumpf-Bände ungekürzt eingelesen: „Pippi Langstrumpf ist eine Ikone“, sagt sie. „Ich fand sie absolut sexy und eigentlich vorbildlich.“ Daher der Erfolg. Der deutsche Kinderbuchverleger Heinrich Ellermann dürfte nach 1949 jedenfalls nicht eben gut gelaunt an jenen Moment zurückgedacht haben, als er das Manuskript aus Schweden zurückgeschickt hatte.

Wie er sollen vier weitere deutsche Kollegen abgewunken haben. Sie alle haben ihren Meister gefunden in Pippi Langstrumpf, der Herrscherin über schier unbändige Fantasie und ungelebte Kinderträume inmitten einer realen Welt. Und das geschah, nachdem Friedrich Oetinger – er war Ellermanns ehemaliger Verlagsleiter, und heute gehört Ellermann zur Oetinger Verlagsgruppe – nach Stockholm reiste und die Lindgren mitsamt ihrem Kinderbuchbestseller persönlich in Augenschein nahm. Die schwedischen Buchhandlungen waren damals voll von jenem dicken Buchband, der auf dem Titel ein sommersprossiges Mädchen mit roten Zöpfen und Rutschestrümpfen zeigte. Nur im Ausland war Pippi völlig unbekannt. Aber Oetinger, „ein sanftmütiger, braunäugiger, freundlich lächelnder Mann“, wie Astrid Lindgren ihn nach der Begegnung beschrieb, war schon nach den ersten drei Kapiteln begeistert und nahm Efraimstochter mit nach Hause.

Es wurde der Beginn einer lebenslangen Freundschaft zwischen Oetinger und Lindgren – und der Start ihrer deutschen Karriere. „Pippi fasziniert und polarisiert, sie ist einfach zeitlos“, erklärt Kjell Åke Hansson, der Direktor vom „Astrid Lindgrens Näs“, das Phänomen Pippi Langstrumpf. Eine aktuelle Ausstellung im

Kulturzentrum von Vimmerby in Småland, wo auch Lindgrens Elternhaus und der berühmte Limonadenbaum stehen, zeigt Originalillustrationen aus aller Welt. Klassiker wie die Zeichnungen von Ingrid Vang Nyman für die schwedische Originalausgabe von Pippi Langstrumpf, aber auch Bilder der deutschen Illustratoren Walter Scharnweber, Rolf Rettich oder Katrin Engelking.

„Als kleines Mädchen hab ich immer gedacht, so wär ich gern, so ein Lächeln hätte ich gern, solche Sommersprossen, so dünne, staksige Beine“, sagt Heike Makatsch. „Und ich würde auch gerne mit den Füßen Autofahren können. Sie war eine Heldin für uns alle.“ Hollahoppsassa. So ist es geblieben, über all die Zeit.