Der Begriff „Phänomen“ und die interdisziplinäre System-Bildung

Phänomene: Wahrnehmen? Oder ‚für wahr’ nehmen?

Der Begriff des Phänomens und die interdisziplinäre System-Bildung.
Interdisziplinäre System-Bildung wird unter anderem erst möglich durch „Herunterbrechen der Frage / des Lerngegenstandes bis auf ihre / seine Phänomene“.

Das Phänomen (Plural Phänomene) beschreibt ein mit den Sinnen wahrzunehmendes einzelnes Ereignis, im weiteren Sinne die sinnlich-emotionale Wahrnehmung eines Ereignisses als einen aktiven Vorgang durch den Wahrnehmenden.

Phänomene sind im gemeinsamen Lernprozess der GRUNDTVIG Lernpartnerschaft „Lernen wie Pippi Langstrumpf“ ein seit dem Luxemburger Treffen neu benutzter Begriff im Rahmen des Lernens rund um die sechs Tätigkeitsfelder der interdisziplinären System-Bildung nach Walgenbach (dieses Modell wurde ebenfalls im Laufe des Luxemburger Treffens von Roland Oesker in den Lernprozess eingeführt).

Kannte Pippi Kant?
Kant bestimmte, dass Phänomene die erfahrungsmäßige Erscheinung bezeichnen, also das in Raum und Zeit wahrnehmbare Mannigfaltige, wie es sich für uns zeigt – je nach unserem subjektiven Wahrnehmungsvermögen. Er stellt das Phänomen den Dingen an sich gegenüber. Diese Dinge an sich erscheinen nicht als solche, sondern werden von uns, den Erkennenden lediglich als das den Phänomenen zu Grunde Liegende gedacht. Einer der Gründe überdies, warum in der Gruppe der Sinn von Wahrnehmungstrainings als Bildungsmaßnahme als fragwürdig andiskutiert wurde (eine vertiefende Diskussion hierzu anhand der aktuellen Bildungsangebote der Projektteilnehmer an deren Kundschaft steht noch aus).

Aktiv: Klar. Doch wo genau beginnt das forschende Tätigsein?
Kant beschreibt also die Rolle des Wahrnehmenden gegenüber dem Wahrgenommenen als aktiv. In diesem Sinn ist die Hinwendung des Lehrenden und des Lernenden zum Phänomen im „Ersten Tätigkeitsfeld der interdisziplinären System-Bildung“ (nach Walgenbach) schon eine aktive Auseinandersetzung eines ‚Bestimmers’ (im Pippi Langstrumpf-Sinne) oder Bildners mit dem wahrnehmbaren Mannigfaltigen. (*)

Erst mit Hilfe dieser Trennung zwischen dem wahrgenommenen Phänomen und dem zugrundeliegenden Ding an sich ist der jeweils zu untersuchende Lerngegenstand der interdisziplinären System-Bildung zugänglich. Denn erst somit kann über die sechs Tätigkeitsfelder nach Walgenbach die Konstruktion geeigneter, zielführender Lernlandschaften für forschendes Tätigsein gelingen.

BEISPIEL:
„Lebenslauf“
A) Leben
Ableitungen können sein z.B. leben, lebend, sein, beweglich, Ausscheidungen, Reproduktionsvorgänge, Wachsen und Vergehen als Dualität,…

B) Lauf
Ableitungen können sein z.B. Laufen, rennen, gehen, überschreiten, zurücklegen, das Rennen, Aschenbahn, Spuren, Bewegung in Raum und Zeit,…

Im Mai-Treffen der Lerngruppe in Frankreich wird in diesem Sinne stellvertretend der Gegenstand der „Unternehmenskommunikation“ bearbeitet werden.

(*) In der Fachliteratur:
Als Objekt der Sinne richtet sich der Gegenstand (das Ding an sich, s.o.) nach der Beschaffenheit unseres Anschauungsvermögens. Die Erfahrung, durch die die Gegenstände erkannt werden, hängt von den Begriffen ab, durch die wir sie vorstellungsmäßig bestimmen. Die Erkenntnis, richtet sich nicht nach den Gegenständen, sondern die Gegenstände müssen sich nach unserer Erkenntnis richten.
„…die Ordnung und Regelmäßigkeit also an den Erscheinungen, die wir Natur nennen, bringen wir selbst hinein und würden sie auch nicht darin finden können, hätten wir sie nicht, oder die Natur unseres Gemüts ursprünglich hineingelegt“.(II,179);
„…der Verstand ist selbst die Quelle der Gesetze der Natur“ (II,181);
„…der Verstand schöpft seine Gesetze (a priori) nicht aus der Natur, sondern schreibt sie dieser vor.“ (III, 189)
(Geier, Manfred: Kants Welt, S. 173), (Kant, Immanuel: Werke in sechs Bänden. Hrsg.von Wilhelm Weischedel, Darmstadt, Frankfurt a.M,. Bd.II, Bd.III)

„In dem der Mensch die Vorstellung von Raum und Zeit und die Grundbegriffe des Verstandes auf die Empfindungen anwendet, die ihm die Sinne vermitteln, entsteht in ihm das Bild der Wirklichkeit. Das Erkennen besteht somit zu einem wesentlichen Teil aus eigenen Zutaten des erkennenden Subjekts.
Die bedeutsame Folgerung, die Kant daraus zieht, ist: Die Wirklichkeit zeigt sich dem Menschen nicht so, wie sie an sich selber sein mag, sondern nur so, wie sie aufgrund der besonderen Art seines Erkenntnisvermögens erscheint. Wir erfassen nicht die Dinge an sich, sondern nur die Dinge als Erscheinung“.
(Weischedel, Wilhelm, S. 185, Die philosophische Hintertreppe, München, 1982)

Dieses Projekt wird von der Europäischen Kommission, Generaldirektion Bildung und Kultur unterstützt.logoeu3