Was ist „Interdisziplinäre System-Bildung“ und das Langstrumpf-System?

Es ist ein methodisches Vorgehen beim Erwerb von Wissen.  Astrid Lindgren zeigt mit ihrer Figur  Pippi Langstrumpf ein solches Vorgehen im ganz persönlichen Lernprozess.  Daher ist es auch eine Methode für das eigene Lernen, aber auch für das Lernen in Gemeinschaft mit Anderen und das Lehren, also ist es auch ein Weg, das Unterrichten auf besondere Weise zu organisieren.

Wenn man sich Gedanken macht, welche Methode des Lernens die richtige oder erfolgversprechende Methode sein kann, dann kommt man schnell zu der Frage, warum man überhaupt etwas lernen möchte.

Für die `Interdisziplinäre System-Bildung` ist das eine sehr wichtige Frage und sie gibt darauf eine Antwort, indem die selbsttätige Persönlichkeit in den Mittelpunkt der Bemühungen gestellt wird. Es geht um die Herausbildung einer selbsttätigen Persönlichkeit unabhängig von allen anderen Zielen und Zwecken, die beim Erwerb des Wissens eine Rolle spielen können.

In diesem Sinn bietet die `Interdisziplinäre System-Bildung` nicht nur eine Methode des Lernens sondern sie ist auch eine grundsätzliche Haltung zum Sinn des Lernens. Daher kann man sie auch einen „didaktischen Ansatz“ nennen.

Zur Beschreibung der besonderen Grundhaltung gehört auch das Ziel, dass die selbsttätige Persönlichkeit ganz auf der „Höhe der Zeit“ und mit der Berücksichtigung der „eigenen Persönlichkeit“ lernen kann. Um das zu erfüllen, muss die Grundhaltung das „Systemdenken“ und die „Subjektivität“ miteinander verbinden. Das bedeutet , das Erlebnis ein neues Wissen zu erlangen, wird ganz individuell und doch ganz systembildend gestaltet.

Da wir Menschen in einer modernen Welt leben, in der wir mit den unterschiedlichsten Systemen technischer, wirtschaftlicher und naturwissenschaftlicher Art handeln müssen, sollte unser Lernen auch systembildend sein.

Zudem bemühen auch die aktuellen philosophischen Erklärungsmodelle Systemzusammenhänge, um uns das richtige oder falsche Handeln in den Grundfragen des Alltags aufzuzeigen und unsere Entscheidungen zu erleichtern.

Bildung in unserer modernen Welt muss also das Systemdenken fördern, sagt diese Grundhaltung zum Lernen. Am Wort „Bildung “ kann man gut sehen, das hier das Bildnerische, das Wahrnehmen, das Lernen mit den Bildern eine große Rolle spielt. Das entspricht unserer modernen Medienwelt. Eine moderne Schule, aber auch eine moderne Berufsausbildung, ein modernes Training von Fachleuten und eine zeitgemäße Freizeitgestaltung kann darauf nicht verzichten, daher gibt es dafür schon den Ausdruck „Edutainment“. Darin kommt zum Ausdruck, dass Lernen, Wissenserwerb, Spass und Unterhaltung zusammengehören. Bildung hat aber auch eine doppelte Bedeutung im Sinne des Bildens von Systemen. damit sind auch ganz individuelle Lernsysteme gemeint, die vom Lernenden selbsttätig gebildet werden.  Der Lernende wird in diesem didaktischen Ansatz ganz bewusst zum „Systembildner“, weil für die Welt gelernt werden soll, die von anderen Systembildnern gestaltet wird. Bildung soll befähigen, sich selbst auch als Systemgestalter, somit als Weltgestalter zu erleben. Bildung schafft dann eine demokratische Grundlage, wenn sie den einzelnen lernenden Menschen befähigt, mit anderen Systemgestaltern das Weltsystem gemeinsam zu gestalten.

Das sind natürlich Ideale, die viele Menschen schon einmal formuliert haben, wenn sie sich mit pädagogischen Fragen und Methoden des Lernens befasst haben. Ein schönes Beispiel dafür ist Astrid Lindgren.

Ihre Figur Pippi Langstrumpf zeigt, wie ein Kind tagtäglich mit Lernerlebnissen interessante Abenteuer erlebt. Pippi stellt sich selbst jeden Tag neue Aufgaben um die Welt zu erforschen. Selbstbestimmt und selbsttätig wird sie zur Forscherin. Anstatt sich in die Systemwelt der Erwachsenen einfach einzufügen, wird alles durch die Bildung eigener Lernsysteme gespiegelt und dadurch systemisch hinterfragt. Die Figur Pippi handelt konsequent nach dem Grundsatz: Wer nicht in der Lage ist, eigene Systeme logischer Zusammenhänge zu entwickeln, wird auch nicht in der Lage sein, fremde Systeme produktiv nutzen zu können. Pippi entwickelt systembildende Mittel, es sind Erfindungen, Entdeckungen und logische Konstruktionen. Sie werden als Gegenthese zur „vernünftigen“ Systembildung der Erwachsenenwelt“ erprobt. So kann sie mit der Erfindung der „Medusin“ in einem Dialog mit dem Apotheker sehr moderne Vorstellungen einer ganzheitlichen Medizin entwickeln. In einem anderen Fall kann sie die Zusammenhänge zwischen Fachbegriffen, ihren Bedeutungen sowie der Wahrnehmung und Beschreibung der Wirklichkeit durch die Erfindung des Begriffs „Spunk“ erforschen.

Sie gestaltet Lernlandschaften in denen sich lernende Menschen als Weltgestalter erfahren. Weltgestalter zu werden, gehört zu den grossen Zielen der Pädagogik.

Damit ist die Methode der „Interdisziplinären System-Bildung“ angesprochen. Mit diesem pädagogischen Ansatz werden solche Lernlandschaften gestaltet. Mit dieser Methode wird erreicht, dass mit hoher Motivation gelernt werden kann. Der Weg des Lernens orientiert sich in der Hauptsache am Erlebnis und an der Erfahrung. Der Fachbegriff dafür ist die epistemologische Orientierung des Lernens. In der Selbsttätigkeit werden sinnlich wahrnehmbare Vorgänge zum Mittel des Lernens, Phänomene werden erforscht, Erfindungen und Experimente gehören genauso dazu, wie der Umgang mit Bildern in der klassischen und modernsten Form der digitalen, vernetzten Welt des Wissens.

Pippi Langstrumpf zeigt zudem, dass auch die Utopie, das Ausprobieren der Ideen dazugehört, bis zum lebendigen Erproben konkreter Utopien in der virtuellen und realen Welt. Die Villa Kunterbunt ist ein utopischer Entwurf, in dem das Leben der Weltgestalterin eine Lernlandschaft entfaltet.

Für die Interdisziplinäre System-Bildung ist dieser Umgang mit den Utopien besonders wichtig. Zuerst schöpfen alle lernenden Menschen daraus eine große Motivation, eine Lust zum Lernen, Spaß und Freude am neuen Wissen. Dann ist die Erprobung der Utopien, das konkret werden der Lernideen, der Weg eigene Systeme über eine Brücke mit den Systemen der übrigen Welt zu verbinden, den eigenen Wissensstand in den Stand des Weltwissens zu integrieren.

So ist System-Bildung im internationalen Sprachgebrauch ein „Self-System-Design“. Da wird deutlich, dass Selbsttätigkeit nicht unbedingt Autodidaktik meint, also keinesfalls ein Alleinlernen ist. So nach dem Motto: Bei der Sebsttätigkeit hat die Pädagogik Pause. Im Gegenteil: Selbsttätigkeit bezieht sich auf die Tätigkeit, die das Gestalten des Selbst in den Mittelpunkt stellt. Dafür eigenen sich nur ideale Lernsituationen. Diese können durch fachlich gebildete Anleiter erzeugt, gestaltet und betreut werden. Das können Menschen sein, die zuerst Partner und Helfer, aber auch gute Organisatoren von Lernlandschaften und Experimentier- oder Forschungsgemeinschaften sind. Das Interesse ist dann nicht so sehr ein Lehrer oder eine Lehrerin zu sein, sondern Freude daran zu haben, mit anderen in Forschungsgemeinschaften zu forschen. Aber das Ziel der Forschung ist die Entfaltung, ja die Gestaltung und das Ausleben der Persönlichkeit der Lernenden. Daher ist die „Interdiszipinäre System-Bildung“ ein Konzept des lebenslangen Lernens, unabhängig vom Alter der Menschen. Beispiel für eine solche Lernlandschaft als Pdf zum herunterladen, ein Artikel in der Fachzeitschrift „Grundschulunterricht“ von Roland Oesker.

Dieses Projekt wird von der Europäischen Kommission, Generaldirektion Bildung und Kultur unterstützt.logoeu3